
|
|
Beendete Forschungsprogramme |
 |
|
Arbeitsgruppe Metropolenforschung |
 |
|
 |
 |
|
|
|
|
|
Textprobe |
|
|
|
 |
|
|
Diese Seite gehört zu einem beendeten Forschungsprogramm und wird nicht mehr aktualisiert.
Falls auf dieser Seite Emailadressen, Telefonnummern oder oder ähnliche Angaben zu finden sind, verwenden Sie sie bitte nicht - sie könnten veraltet sein.
Klicken Sie auf diesen Link, um zusätzliche Informationen zu erhalten. |
|
|
 |
|
|
|
|
|
 |
| |
 |
 |
|
Vorwort von Hans Ostwald
zum 1.Band "Dunkle Winkel in Berlin".
|
|
|
Diese Großstadtdokumente sollen über die eigenartigen
Persönlichkeiten und Bevölkerungsschichten, über die sittlichen und
sozialen Zustände unserer modernen Großstädte Licht verbreiten. Sie
sollen nicht aus Vergangenheiten, aus staubigen Urkunden und alten
Nachrichten ihren Inhalt schöpfen. Sie sollen aus dem vollen Leben
heraus ihren Extrakt geben. Ja, das soll diese Sammlung vor allen
ähnlichen auszeichnen: Nicht über Bücher oder über Kunstwerke soll
gesprochen werden - das Leben selbst soll sich mitteilen, soll als
Stoff dienen. Und zwar das modernste Leben: das Leben der Großstadt.
Die letzten Jahrzehnte haben diese imponierenden Menschenanhäufungen
geschaffen, die wir Großstadt nennen. Selbst wer ihre abscheulichen
Mängel erkennt und haßt, wird ihr doch einen gewissen Kulturwert
nicht absprechen können. Und wer ihren Kulturwert preist, wird ihre
Mängel nicht übersehen dürfen.
So soll in dieser Sammlung versucht werden, Beides dokumentarisch
festzusetzen: den Wert, die Vorzüge der Großstadt und - ihre
Mißstände, Verderbtheiten und Verkehrtheiten.
Die verblüffende Raschheit des Wachsens der Großstädte schließt fast
aus, daß ihr riesenhafter Gehalt in einem Kunstwerk, etwa in einem
Roman wiedergegeben werden kann. Das ist selbst einem Zola nicht
immer gelungen. Und wir wollen froh sein, daß wir über die Zeit
solcher Romane hinweg sind.
Die Erkenntnis, daß ein Kunstwerk kaum noch den gewaltigen Stoff
bewältigen kann - und daß dann immer noch manches unbeantwortet
bleibt, hat mich zu der Überzeugung geführt, das eine kurze, knappe
Darstellung des Stoffes viel mehr bieten kann, daß sie auch besser
informierend und erkenntnisgebend wirken wird. Sie soll deshalb die
künstlerischen Reize durchaus nicht ganz entbehren.
Aber gerade auf die Information lege ich großen Wert. Es ist bei der
Vielfältigkeit des Großstadtlebens, bei seiner Universalität jetzt
ganz unmöglich, daß ein Einzelner sich einen Einblick in all die
Wege und Adern verschafft, durch die ihr Blut pulst. Er muß
zufrieden sein, wenn er in seinem Spezialfach Bescheid weiß. Er muß
zufrieden sein, wenn er die Straßen seines Viertels kennt.
Nun aber kommen so oft Dinge an die Oberfläche, die uns alle
erregen, die uns allen vielerlei Fragen auf die Lippen locken. Aber
- die Fragen bleiben unbeantwortet.
So, als die kleine Lucie Berlin ermordet wurde. Wer wußte da etwas
vom Zuhältertum. Kein ernsthafter Mensch wagt, ernsthaft darüber zu
schreiben. Keiner kennt den Zusammenhang und die sozialen
Eigentümlichkeiten dieser Lebenserscheinung. Oft kommt sie in
aufregenden Prozessen zur Sprache. Dann bringen Zeitungen und
Zeitschriften die Berichte. Aber einer Darstellung oder ernsteren
Besprechung solcher Kulturerscheinungen verschließen selbst
bedeutende Zeitschriften ihre Spalten.
Da wurden in letzter Zeit so oft Prozesse aus dem Leben der Banken
und aus dem Geldverkehr verhandelt. Ganz ungeheuerliche Dinge
schienen dort vorgegangen zu sein. Aber - Vieles wurde von den
Meisten gar nicht verstanden. Wer ist denn heute über die vielen
Arten von Banken informiert? Wer, außer den Börsenleuten, versteht
etwas von den Vorgängen an der Börse?
Und doch ist kaum ein Gebiet heute so wichtig und ausschlaggebend im
Erwerbsleben - und rückwirkend auch auf Sitte und Anschauung, wie
der Geldverkehr.
Man braucht nicht selbst Kapitalist zu sein, und möchte doch gern
unterrichtet werden.
Auch über homosexuelle Erscheinungen tauchten in den
Gerichtsberichten der Zeitungen kurze Notizen auf. Notizen, die
viele Menschen stutzig machen. Aber - eine Aufklärung über das Wesen
der Sache erwarteten alle vergeblich von der Zeitung.
Und das eben sollen diese Großstadtdokumente: Aufklärung über das
Wesen der Sache geben - unterrichten.
Unsere moderne Wissenschaft, unsere moderne Weltanschauung ist
soweit gediehen, daß wir jetzt getrost vor manchen bisher verpönten
Sachen die Augen öffnen dürfen. Ja, die Bevölkerungsgruppen und
Zustände bedeuten in unserer sozialen Struktur soviel, daß wir
endlich die Augen öffnen müssen.
Aber nicht nur mit den Sitten und Unsitten der Großstadt, mit ihren
dunklen Winkeln und dunklen Menschen soll sich diese Sammlung
befassen. Nein, auch das Geistes- und Arbeitsleben soll hier seine
Schilderung und Kritik finden.
So wird sich einer der ersten Bände mit dem interessanten Leben der
Bohème beschäftigen. Viele von unsern großen Künstlern, die wir
jetzt alle in unser Herz geschlossen haben, werden dort in ihren
wirren Werdejahren geschildert.
Ein anderer Band wird über Gemeinschaften und Sektierer sprechen. In
unserer Zeit der sonderbaren Sehnsüchte, der Gemeinschaften, der
religiösen oder spiritistischen oder theosophischen Zirkel wird
dieser Band gewiß von Wert sein - um so mehr, da er von einem
Berufenen kommt, von einem Sachkenner.
Und so soll diese ganze Sammlung ein Wegweiser durch dies Labyrinth
der Großstadt werden. Der Sachkenner soll den Wißbegierigen an die
Hand nehmen und ihn hindurchführen durch diese zahllosen Wirrnisse.
- - - -
Zuerst beschränkt sich die Sammlung auf Berlin - was nicht
ausschließt, daß sie später auf andere Großstädte ausgedehnt wird...
Dieser erste Band ist nichts weiter als eine Einleitung. Sie soll
nur die Vielfältigkeit der Großstadt zeichnen - ohne etwa das
Unternehmen auf das darin angedeutete Stoffgebiet festzunageln. Gibt
doch schon die List der ersten Bände die Allseitigkeit der
Großstadtdokumente zu erkennen - die übrigens schon darum Anspruch
auf Wert erheben, weil sie durchaus dokumentarisch sein werden - und
die auch des wissenschaftlichen Wertes nicht entbehren werden - wenn
sie sich auch nicht an verstaubte Papiere, sondern an das Leben
halten...
Großlichterfelde, im September 1904 |
|
 |
|
|
|
 |
|
Letzte Änderung: 2002-06-03 17:05 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
 |
|
 |
|