Home Home Contact Us Sitemap Search Masthead Deutsch
Completed research programsCivil Society and Transnational Networks

Completed research programs

Research Unit: Civil Society and Transnational Networks





Partizipative Technikfolgenabschätzung, Diskurs, Theorie sozialer Integration



Only available in German

 


> "Virtuelle" Diskurse

> Soziale Enklaven


Focus of research


  In der Abteilung wurden im Berichtszeitraum Untersuchungen begonnen, die die Daten des Diskursprojekts zu den transgenen herbizidresistenten Nutzpflanzen im Kontext sozialwissenschaftlicher Theoriebildung auswerten. Ablauf, Ergebnisse und soziale Konsequenzen der Technikfolgenabschätzung sollen im breiteren Rahmen der Theorie sozialer Integration und des Konzepts von Argumentation (Diskurs) als Koordinationsmedium sozialen Handelns interpretiert werden. Die Auswertung erzwingt zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit den in der Soziologie konkurrierenden gesellschaftstheoretischen Positionen.

Klärungsbedürftig ist schon das Konzept der gesellschaftlichen Integration. Wenn es die Funktion einer partizipativen Technikfolgenabschätzung ist, Konfliktlösung durch Verständigung zu erzielen, verbietet sich eine systemtheoretische Deutung, die Integration allein durch die Kontinuität (den Anschluss) des sozialen Geschehens definiert und so die Differenz von Konflikt und Konsens begrifflich einebnet. Für alle Beteiligten macht die Technikfolgenabschätzung nur deshalb Sinn, weil Konflikt nicht ebenso integrativ ist wie Konsens.

Auch die von David Lockwood in die Soziologie eingeführte Unterscheidung von System- und Sozialintegration (spannungsfreies Funktionieren von Teilen/Subsystemen eines sozialen Gebildes versus spannungsfreies Miteinander der handelnden Akteure) erweist sich als problematisch. Zumindest lässt sich damit nicht ein kategorialer Gegensatz zwischen Systemtheorie und Handlungstheorie konstruieren. In der Technikfolgenabschätzung bilden gerade die Implikationen der funktionalen Imperative von Teilsystemen (und die dadurch verursachten„Externalitäten“) einen zentralen Konfliktstoff zwischen den handelnden Akteuren. Soziale Desintegration wird hier also durch systemische Desintegration konditioniert bzw. ist mit ihr identisch.

Wenig geeignet für ein theoretisches Verständnis der Technikfolgenabschätzung ist auch die Luhmannsche Variante soziologischer Systemtheorie, die kommunizierende Individuen in die Umwelt eines Systems verweist, das autopoietisch und selbstreferentiell aus Kommunikationen Anschlusskommunikationen generieren soll.

Ohne den Rekurs auf Individuen als Elemente (was sowohl der allgemeinen Systemtheorie, wie auch der soziologischen Handlungstheorie entspricht) lässt sich die Technikfolgenabschätzung als System nicht beschreiben. Wenn ein bestimmtes Argument nicht im Wissensbestand der Anwesenden enthalten ist, wird es nicht fallen. Allerdings müssen Argumente, die im Diskurs fallen – selbst wenn sie wahr sind –, nicht deshalb auch akzeptiert werden.
 
  Kommunikation  
  Um den Ablauf der Technikfolgenabschätzung theoretisch zu deuten, braucht man ein Konzept von „Kommunikation“, das (im Anschluss etwa an die Sprachphilosophie von John L. Austin/John R. Searle) die Handlungsintentionen der Sprecher („perlocutionary acts“), die jenseits der Sprechakte liegen, systematisch im Auge behält. Nur ein solches Konzept kann der Tatsache Rechnung tragen, dass Kommunikation in der Regel nicht Selbstzweck ist, vielmehr ist Sprechen in weitere Handlungsverläufe eingebettet und dient entsprechenden Handlungszwecken.

Perlokutionäre Aspekte fehlen sowohl in Luhmanns wie in Habermas’ Konzept der Kommunikation. Auf die Einbeziehung der Perlokution kann die sozialwissenschaftliche Analyse speziell in den Selektionsphasen des Diskurses jedoch nicht verzichten, wenn es an das Verwerfen von irrigen Behauptungen und Positionen geht. Weil hinter den Behauptungen und Gegenbehauptungen der Kontrahenten andere Handlungsziele stecken (Technik durchsetzen, Technik verhindern, Organisationsidentität verteidigen), entstehen durch solche Selektionen Handlungskosten, die dem Akzeptieren von noch so zwingenden Argumenten letztlich im Wege stehen können.
 
  Selektivität  
 

Das Konzept der „Handlungskosten“ führt zu den theoretischen Ansätzen von „rational choice“ und Spieltheorie. Diese bieten sich an, um Entscheidungen über die Teilnahme an und über den Ausstieg aus einem Diskurs zu erklären. Für eine umfassende Analyse der Technikfolgenabschätzung sind sie jedoch unzureichend.

Die Entscheidungstheorie muss das Argumentationsspiel„Diskurs“ als black box behandeln und kann nur den pragmatischen Wert möglicher Schlussfolgerungen unter Kosten-/Nutzenperspektiven sortieren. Sie kann nicht erklären, warum Handlungskosten im Licht von „Werten“ dann eventuell doch akzeptiert werden. Für diese Erklärung bedarf es einer Ausarbeitung der Theorie des Argumentierens, die verständlich macht, wie und unter welchen Bedingungen der Rekurs auf Ressourcen einer gesellschaftsweit geteilten Rationalität (Wahrheit, Werte) als Medium der Vergesellschaftung funktioniert.

In diesem Zusammenhang sind auch sozialwissenschaftliche Theorien zu testen, die die Durchschlagskraft von Argumentation grundsätzlich in Frage stellen (konkurrierende Weltbilder, teilsystemspezifische Logiken). Wie die Technikfolgenabschätzung zeigt, beruhen kognitive Konflikte auf Selektivität, nicht auf inkompatiblen Weltbildern oder Systemlogiken.

Die Daten aus dem Projekt zur Technikfolgenabschätzung zeigen integrative Diskursleistungen auf vier Ebenen:
 

 
In kognitiven Konflikten wird Selektivität dadurch überwunden, dass Evidenzen und Gegenevidenzen in einer sachlich repräsentativen Sicht zusammengeführt werden. Am Ende ergeben sich Beschreibungen, die Negationen internalisieren und dabei hinreichend Ungewissheit abbauen, um kognitive Konvergenz zu ermöglichen.
In der Auseinandersetzung über die moralischen Grenzen des Technikeinsatzes reproduzieren die Konfliktparteien den gesellschaftlichen Konsens über grundlegende Normen und Werte. Darüber hinausgehende Wertungskonflikte werden dadurch entschärft, dass die gewissermaßen überschießenden„heroischen“ moralischen Ansprüche an den Pluralismus verwiesen und so im Ergebnis privatisiert werden.
Der Risikokonflikt wird durch Konsistenzforderungen strukturiert. Im Diskurs ist der Vergleich der Risiken und Ungewissheiten transgener und nicht transgener (konventionell gezüchteter) Pflanzen unabweisbar. Der Vergleich delegitimiert radikale Verbotsforderungen und bestätigt im Ergebnis das dem geltenden Recht zugrunde liegende Prinzip einer fallweisen Prüfung und Zulassung der neuen Technik.
Verfassungspolitische Reformansprüche, die auf eine politisch-demokratische Kontrolle der gesellschaftlichen Innovationsdynamik hinauslaufen, lassen sich zwar im Diskurs verteidigen. Aber sie haben den Status einer Vision oder Option unter anderen für die weitere Entwicklung der Gesellschaft, über die legitimerweise abgestimmt werden darf
     

Die reflexive Distanz, die der Diskurs erzwingt, kann schwer zu ertragen sein. Und es kann daher durchaus attraktiv sein, den Konflikt außerhalb des Diskurses – und gewissermaßen an den Rationalisierungsleistungen des Diskurses vorbei – fortzusetzen. Ob das geschieht, wird nicht zuletzt davon abhängen, in welchem Umfang Rationalisierungsleistungen von Diskursen auch in anderen Arenen sichtbar gemacht werden können und dort die Spielräume der Konfliktparteien, rein strategisch zu agieren, begrenzen.

Go to top 

Last change: 2005-03-22 13:36